Veto-Recht der Eltern beim Renovieren

Allgemeine Zeitung vom 15.12.2007 von Maike Hessedenz

Frank Gebert setzt in der Neustadt in "Gebert´s Weinstuben"
eine Familientradition fort 

Es ist eine 120-jährige Tradition, die Frank Gebert fortführen will. Vor wenigen Monaten hat er "Gebert´s Weinstuben" von seinen Eltern übernommen, hat gleichzeitig im Interieur für frischen Wind gesorgt. In seinem neuen "Wohnzimmer" lässt er sich mit der AZ einen Espresso schmecken.

Genau dieses "Wohnzimmer-Gefühl" war es, was die Stammgäste seit Jahrzehnten an Gebert´s Weinstuben so gemocht haben - klar, dass der eine oder andere skeptisch Espresso war, als der Junior seine Renovierungsideen ankündigte: "Aber ich konnte die Zweifler wohl vom Gegenteil überzeugen", blickt er sich nicht ohne Stolz in "seinem" Restaurant in der Frauenlobstraße 94 um. Zwar ist er offiziell der "Herr im Haus", seine Eltern stehen ihm aber nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite. Mutter Marianne hat im Service das Sagen, Vater Wolfgang ist sein Partner in der Küche - und hat dort weit mehr als nur die Kräuterbutter unter seinem Regime. Und auch bei der Renovierung hatten sie ein Wörtchen mitzureden: "Meine Eltern haben mir beim Renovieren alle Freiheiten gelassen - allerdings mit Veto-Recht", lacht er. Natürlich, immer unkompliziert sei es nicht, jeden Tag zwölf Stunden mit den Eltern zusammenzuarbeiten, "wir setzen eben auf den Dialog", erklärt er den familiären Arbeitsalltag, "auch in der Küche". "Mein Vater und ich arbeiten zusammen, um das beste für den Kunden herauszuholen." Andererseits kennt es der 30-Jährige von frühester Kindheit an nicht anders: "Da stand mein Laufstall immer in der Nähe vom Herd." Ob auch das dazu beigetragen hat, dass er in die Fußstapfen des Vaters getreten und Koch geworden ist? Im Favorite Parkhotel hat er seine Ausbildung absolviert, renommierte Stationen wie das Hotel Bareiss im Schwarzwald, den Deidesheimer Hof oder das "1 Lombard Street" in London hinter sich gelassen, um sich schließlich im heimischen Mainz seinen Traum zu erfüllen. Was ihm mit dem Umbau gelungen ist: "Offener, freundlicher, transparenter" sollte die alteingesessene Weinstube werden, die bis Juli noch durch 70er-Jahre Möbel, dunkle Fenster und einen zwar liebenswerten aber nicht mehr zeitgemäßen Stilmix gekennzeichnet war. Zufrieden? "Mehr als das!", strahlt er. Eine vier Meter lange Couch, violette Stühle und güldene Tapete sorgen für Gemütlichkeit. "Essen ist für mich, wenn die Familie an einen Tisch kommt", sagt er, "und genauso wohnlich soll es auch in meinem Restaurant sein". Viele vergleichbare Gaststätten gibt es in der Neustadt nicht - auch ein Aspekt der ihm gefällt: "Hier wird ein Mix aus Kulturen und Gastronomien gelebt, da möchte ich als Mainzer auch eine Facette dazu beitragen." Dafür entwickelt er gerne auch neue Ideen: Seit zwei Jahren schon eröffnet er in der Silvesternacht am Frauenlobbrunnen die "Silvester-Sektbar", an der Gäste und Nachbarn beim Blick über den Rhein mit Gulaschsuppe und einem Gläschen Sekt aufs neue Jahr anstoßen können. Der Erlös kommt "Rudern gegen Krebs" zugute. Und fürs Jubiläumsjahr 2008, wenn Gebert´s Weinstuben am 1. April ihren 11 mal 11. Geburtstag feiern, hat er sich noch mehr vorgenommen: Vier Termine für Erlebnisgastronomie hat er schon jetzt im Blick: "Wein und Wunder" sollen die Abende heißen, bei denen nicht nur Zauberei, sondern vor allem der Wein im Vordergrund stehen soll. Denn auch für die Weine hat er eine weitere Expertin an der Hand: Seine Freundin Dagmar Bieser ist Winzerin, stammt aus dem gleichnamigen Weingut in Großwinternheim. Und auch, wenn die Wiedereröffnung und die Übernahme schon vier Monate zurückliegen, kann der Jung-Gastronom sein Domizil noch immer genießen: "Ich setze mich auf die Couch, lasse den Blick schweifen, schaue aus dem Fenster - das ist mein liebster Moment, um einen Kaffee zu trinken." Oder einen Espresso.